aktuelle Promotionen

Alexandra Bechtum

„El agua vale más que el oro” – Gesellschaftliche Auswirkungen des industriellen Goldbergbaus in Peru und Argentinien

Nach der Jahrtausendwende erfuhr Lateinamerika einen Bergbauboom. Dabei verzeichneten insbesondere metallische Rohstoffe historische Preiszuwächse und eine gesteigerte Nachfrage auf globaler Ebene. In diesem Kontext beschritten nicht nur traditionelle Bergbauländer wie Chile und Peru (erneut) den Weg der rohstoffbasierten Entwicklung – dieses Mal über den Metallbergbau –, sondern auch Länder wie Argentinien und Kolumbien passen ihre wirtschaftlichen und politischen Strukturen dahingehend an. Sie setzen auf den Export und die großmaßstäbliche Förderung von metallischen Rohstoffen in industriellen Tagebauprojekten, der sog. megaminería, die einen hohen Einsatz an Kapital, Technologie, chemischen Substanzen und Wasser notwendig macht und fast ausschließlich von transnationalen Bergbauunternehmen dominiert wird. Die Ausweitung des industriellen Bergbaus geht mit einem komplexen Zusammenspiel von gesellschaftlichen Prozessen und Praktiken einher und stellt die Länder des Subkontinents vor zentrale Herausforderungen.
In dem Promotionsvorhaben wird anhand von empirischen Fallstudien in Peru – als klassischem Bergbauland und Argentinien – als traditionellem Agrarexporteur, analysiert, welche Prägekraft die Expansion des industriellen Goldtagebaus auf lokaler Ebene entfaltet. Der Rohstoff Gold und seine Förderung in industriellen Tagebauprojekten lassen sich aufgrund der hohen Bedeutungszunahme im jüngsten Bergbauboom sowie einer enormen Konfliktträchtigkeit als paradigmatisch für die Dynamiken der Intensivierung des exportorientierten Rohstoffmodells in Lateinamerika, aber auch für andere Regionen des Globalen Südens, betrachten. Ausgehend von der unterschiedlichen politisch-historischen Bedeutung des Bergbausektors in beiden Ländern wird untersucht, inwiefern die jüngsten sozial-räumlichen und sozio-politischen Transformationsprozesse der Bergbauexpansion zu sozio-ökonomischen Verschiebungen, (Re-) Konfigurationen von sozialen Praktiken und neuen Konfliktdynamiken auf lokaler Ebene führen. Die Studie will auf diese Weise Einblicke in dezidierte Interaktionsbeziehungen zwischen Gesellschaft und Staat geben und entwickelt ein tieferes Verständnis über sozialen und politischen Wandel in Lateinamerika.

 

Friedrich Bossert

The politics of social protection for the poorest in Latin America

Studien der letzten Jahre haben wiederholt aufgezeigt, dass die meisten lateinamerikanischen Wohlfahrtstaaten keine progressive Umverteilungsfunktion erfüllen. Dies kann unter anderem darauf zurückgeführt werden, dass die ökonomisch marginalisierten Bevölkerungsschichten in Lateinamerika im Zugang zu sozialpolitischen Transfer- und Dienstleistungen massiv benachteiligt werden. Eine Weltbank-Studie hat jüngst errechnet, dass ca. 70 % der Sozialtransfers in Lateinamerika an die zwei einkommensstärksten Fünftel der Bevölkerungen gehen, während das einkommensschwächste Fünftel nur knapp 10 % dieser Transfers erhält. In Anbetracht enormer sozialer Ungleichheiten und hoher absoluter Armutsraten in Lateinamerika haben diese Daten für die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Sozialsystemen des Kontinents hohe Brisanz. Sie befeuerten nicht zuletzt die seit einigen Jahren wachsende Beschäftigung mit der Frage der geringen sozialen Absicherung der ökonomisch marginalisierten Bevölkerungsgruppen sowie möglichen Wegen zur Verbesserung dieser Situation. Jedoch ist festzustellen, dass die Forschung diesbezüglich bislang sehr durch eine technizistische, effizienzorientierte Perspektive geprägt ist und sich stark auf einzelne Programme wie den Conditional Cash Transfer Programs konzentriert.
An diesem Punkt knüpft das Promotionsprojekt an, indem es den Blick auf die politischen, sozialen und ökonomischen Hintergründe der geringen sozialen Absicherung der ökonomisch marginalisierten Bevölkerungsschichten lenkt. Zu diesem Zweck wird ein qualitativer historischer Vergleich zwischen den Ländern Argentinien und Costa Rica durchgeführt. Im Zentrum steht dabei die Frage welche Macht- und Interessenskonstellationen zur Durchsetzung und Perpetuierung von Sozialsystemen führten, welche die ökonomisch marginalisierten Bevölkerungsschichten anhaltend massiv benachteiligen und so existierende Ungleichheiten reproduzieren.

 

Philip Fehling

Steuerreform in Lateinamerika
Soziale und politische Determinanten fiskalischer Umverteilung

Seit einigen Jahren werden die lateinamerikanischen Steuersysteme zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Verteilungsgerechtigkeit untersucht. Die einschlägigen Studien befassen sich meist aus finanzwissenschaftlicher Perspektive mit der lateinamerikanischen Steuerstruktur und der Umverteilungswirkung verschiedener Steuertypen. Wenig untersucht ist hingegen die politische Ökonomie der Steuersysteme.
Das Promotionsvorhaben befasst sich daher mit dem Thema Steuern in Lateinamerika aus einer finanzsoziologischen Perspektive und betrachtet die Steuersysteme als spezifischen Ausdruck eines gesellschaftlichen Kräfteverhältnisses, das sich in den Ergebnissen der „Steuerkämpfe“ widerspiegelt. Es wird davon ausgegangen, dass der akkumulationsabhängige Abschöpfungsspielraum des Staates historisch immer wieder im Wege gesellschaftlicher und politischer Konflikte in einer spezifischen Weise konkretisiert wird, die Aufschluss über die jeweiligen Machtverhältnisse und Umverteilungsblockaden gibt.
Diesen Annahmen folgend, soll der Entwicklung von Steuerreformprojekten – deren Entstehung, Verabschiedung und Implementierung – durch eine Analyse der politischen Positionen, Akteurskonflikte und Orte der Entscheidung, mithin den politics der Steuerreformen, systematisch nachgegangen werden. Diese Analyse soll zunächst im Wege einer quantitativen Untersuchung des lateinamerikanischen Kontexts angeleitet werden, in der ökonomische, politische und fiskalische Zusammenhänge aufgezeigt werden, die zugleich die begründete Fallauswahl für eine qualitative Vergleichsstudie ermöglichen.

 

Paul Hecker

Neue Arbeitspolitik Brasiliens. Informalität und Ungleichheit im Fokus?

Informalität und extreme Ungleichheit der Vermögens- und Einkommensverhältnisse stellen für Lateinamerika und insbesondere Brasilien strukturelle Probleme dar, die durch die regional und sozial konzentrierte ökonomische Entwicklung sowie das koloniale Erbe geprägt sind. Der Ungleichheitsindex Gini-Koeffizient lag 2007 bei 55, während die obersten 10% der Einkommensempfänger 43,0% die untersten 10% nur 1,1% des nationalen Einkommens erhielten. Eine wichtige Ursache der Ungleichheit ist die Informalität der Arbeitsbedingungen, die aktuell etwa 45% der Erwerbsbevölkerung betrifft. Die so genannte informelle Ökonomie wird seit den 1970er Jahren aus mehreren analytischen Perspektiven und mit unterschiedlichen Problemverständnissen und -definitionen bearbeitet, wobei der fehlende Zugang zu sozialpolitischer Absicherung und Leistungen hierbei als eines ihrer Kernmerkmale gesehen wird. In diesem Forschungsvorhaben soll untersucht werden, wie die informell Tätigen in einem Teilbereich der Sozialpolitik, der jüngeren Arbeitspolitik Brasiliens, integriert beziehungsweise ausgeschlossen werden. Arbeitspolitik spielt über die Arbeitsmärkte und deren Regulierung eine große Rolle für die Einkommensverteilung beziehungsweise die Ungleichheitsgenerierung, weshalb eine systematische Betrachtung des Komplexes Ungleichheit-Informalität-Arbeitspolitik ein besseres Verständnis der Ursachen extremer Ungleichheit in Brasilien erreicht werden soll.

 

Jenny Jungehülsing

Migration und Gewerkschaften.
Zur Bedeutung transnationaler sozialer Beziehungen für internationale Gewerkschaftssolidarität

Im Kontext des zunehmend transnationalen Charakters der Migration werden in der sozialwissenschaftlichen Forschung verstärkt die Konsequenzen der grenzüberschreitenden sozialen Beziehungen zwischen Herkunfts- und Zielgemeinden von MigrantInnen diskutiert: Die zunehmenden transnationalen Verflechtungen und die Entstehung „transnationaler sozialer Räume“ können soziale, kulturelle und ökonomische Praktiken in Ziel- wie in Herkunftsländern von MigrantInnen beeinflussen und verändernd auf politische und gesellschaftliche Institutionen einwirken. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung internationaler Gewerkschaftssolidarität im Kontext der globalen Reorganisation von Produktionsprozessen sowie vor dem Hintergrund zunehmender (gewerkschaftlicher) Organisierung von MigrantInnen in den jeweiligen Zielländern werden im Promotionsvorhaben die Auswirkungen transnationaler Migration auf grenzüberschreitende Gewerkschaftskooperationen untersucht. Anhand zweier Beispiele grenzüberschreitender Gewerkschaftsallianzen zwischen den USA und Mexiko wird die Rolle der in den US-Gewerkschaften organisierten MigrantInnen und ihrer transnationalen Beziehungen in der internationalen Gewerkschaftssolidarität analysiert und geprüft, ob sie einen Beitrag zur Stärkung dieser Kooperationen leisten – und welche Faktoren dies behindern.

 

Sebastian Matthes

Anerkennung und Umverteilung. Die politischen und sozio-ökonomischen Auswirkungen von indigenen Bewegungen in Bolivien und Ecuador.

In Bolivien und Ecuador wurden in der vergangenen Dekade beispiellose Transformationsprozesse eingeleitet. Maßgebliche Akteure waren die indigenen Bewegungen, die gegen ihre anhaltende soziale und politische Exklusion kämpften. Zeichneten sich doch beide Staaten auch nach zwei Dekaden demokratischer Regierung durch eine anhaltende soziale Ungleichheit aus, von der insbesondere die Angehörigen der indigenen Völker betroffen waren. In Bolivien wie auch Ecuador war es gerade der ethnische Protest und seine zunehmende politische Präsenz, die die traditionelle Politik in die Krise stürzten und den Weg für politische Alternativen öffneten. Die neuen demokratischen Regierungen versprachen eine “Neugründung des Staates” über die Ausarbeitung neuer Verfassungen sowie damit einhergehend eine Ausweitung der demokratischen Teilhabe und eine sozio-oekonomische Umverteilung, die vor allem die soziale benachteiligten Bevölkerung, darunter die Mehrheit der Indigenen erfassen sollte. Im Fokus der Studie steht die kritische Betrachtung der Implementierung der eingeleiteten Transformationsprozesse. Hierzu wird untersucht, inwiefern die Ausweitung der formellen Anerkennung sowie die zunehmende Partizipation im politischen Prozess zu einer messbaren ökonomischen Umverteilung führt, wie sich also das Wechselverhältnis ziwschen Anerkennung, Umverteilung und Repräsentanz am konkreten Beispiel gestaltet.

 

Timm Benjamin Schützhofer

New Deal in den Anden? Ecuadors Bürgerrevolution als Herausforderung für die Rententheorie

Die derzeitigen politisch-ökonomischen Veränderungen im Erdöl- und Agrarexportland Ecuador werden oft unter der Überschrift des Neo-Extraktivismus diskutiert. Es handele sich um ein brüchiges Gleichgewicht, in dem zwar die Rohstoffrente gerechter verteilt werde, sich aber gleichzeitig eine stärker werdende Dynamik sozial-ökologischer Konflikte abzeichne. Betont werden unter anderem die aus rententheoretischer Perspektive negativen Auswirkungen der Rohstoffeinnahmen auf die Diversifizierung und Außenabhänigkeit der Wirtschaft sowie auf die Fähigkeit und Motivation des Staates, ein solides Steuersystem aufzubauen.
Seit 2007 kam es in Ecuador allerdings zu steuerpolitischen Veränderungen, mit denen trotz hoher Rohstoffeinnahmen eine signifikante Erhöhung der Steuereinnahmen stattfand und erste Fortschritten beim Aufbau eines progressiveren Steuersystems erzielt wurden. Vor diesem Hintergrund wird im Vorhaben untersucht, inwieweit und durch welche Strategien es im Erdölexportland Ecuador gelungen ist, die rentenstaatliche Dynamik aufzubrechen und eine signifikante Erhöhung der Steuereinnahmen sowie eine gerechtere Verteilung der Steuerlast durchzusetzen.

 

Nico Weinmann

Arbeits- und Sozialpolitik im Feld der hauswirtschaftlichen Arbeit in Argentinien und Uruguay

Lateinamerikanische Gesellschaften zeichnen sich durch extreme sozialer Ungleichheiten aus. In der letzten Dekade rückte die Bearbeitung der sozialen Frage vermehrt auf die politische Agenda des Subkontinents und mündete in zahlreiche Reformen im Feld der Arbeits- und Sozialpolitik. Vor diesem Hintergrund ist es von besonderem Interesse, ob es über die jüngeren Reformbemühungen gelingt prekäre und oftmals von Sozialpolitik ausgeschlossene Gruppen, wie Hausarbeiterinnen – die mehrheitlich Frauen und oftmals Migranten sind –  in Systeme sozialer Sicherung zu integrieren. Über den Vergleich von Reformprozessen im Feld der hauswirtschaftlichen Arbeit in Argentinien und Uruguay soll über das Promotionsprojekt den Wirkungszusammenhängen zwischen sozialer Ungleichheit und Politik nachgegangen werden. Arbeits- und Sozialpolitik wird dabei im Spannungsfeld von ökonomischen Strukturzwängen, Legitimationsforderungen und einer relativen Autonomie staatlichen Handelns konzipiert. Über dieses Verständnis soll gefragt werden, welche Mechanismen beziehungsweise welche Akteurskonstellationen und institutionellen Blockaden Möglichkeiten und Grenzen der Umverteilung und der sozialen Inklusion in gegenwärtigen Reformprozessen darstellen.

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